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Vom 2. bis 4. Mai war Brig-Glis Schauplatz des 29. Kantonalen Walliser Gesangfests. Über 4000 Sängerinnen und Sänger aus mehr als 120 Chören sowie rund 4300 Kinder aus dem ganzen Kanton beeindruckten und beeindruckten mit musikalischer Qualität und einem unglaublichen Esprit.

Am Freitagnachmittag, 2. Mai, kaum beim Bahnhof Brig ausgestiegen zieht es einen direkt zum Sebastiansplatz. Ein riesiger Schwarm von Kindern hat den schönen Ort erobert und singt unter der Leitung von Hansruedi Kämpfen. Unter freiem Himmel ist dies nicht einfach und die Kinder sind müde von langen Ateliers. Aber dem Dirigenten gelingt es, in kurzer Zeit sie stimmlich zu kanalisieren.

Am Abend präsentieren die Ateliers die Früchte ihrer Arbeit. Nicht weniger als 210 Sängerinnen und Sänger, begleitet von einem Kammerorchester, interpretieren einen Psalm, gefolgt von Antonio Vivaldis «Magnificat» unter der Leitung von Damien Luy. Die Kirche von Brig bildet den idealen Rahmen für diese Perlen der Barockmusik.

 

Eine beeindruckende Zahl von Nachwuchssängerinnen und -sänger. Das Ziel: die anderen Chormitglieder nicht zu verlieren (Foto Thierry Dagon)

Junge Deutschsprachige und Romands mit einer beeindruckenden Klangqualität. (Foto Thierry Dagon)

Eine einzigartige Sprache

Die Kinder, ob aus dem Ober- oder Unterwallis, sprechen hier eine gemeinsame Sprache: Musik. Unter der bespielhaften und engagierten Leitung von Marc Bochud und Hansruedi Kämpfen vereinigen sich die Stimmen der Schola de Sion und der Singschule Cantiamo in den Ausschnitten aus «Ceremony of Carols» von Benjamin Britten oder Werken von Rig Veda, begleitet mal vom Klavier, mal von der Harfe. Die anspruchsvollen Partien werden auf einem Niveau dargeboten, die das Publikum zum Staunen bringen.

Voller Energie und Lebensfreude: Teilnehmerinnen und Teilnemer des Ateliers «Gluschtige Häppchen». (Foto Thierry Dagon)

250 Deutschschweier Choristinnen und Choristen präsentieren anschliessend das Atelier «Gluschtige Häppchen&raquo. Sie gehen beschwingt und bewegt zur Sache und machen Lust, sich selber zu bewegen. Zusammen mit einer kleinen Jazzband überträgt Johannes Diederen lächelnd und entspannt eine herrliche Energie auf seine Sängerinnen und Sänger.

Zum Abschluss präsentieren die 36 Sängerinnen und Sänger des Walliser Jugendchors, dirigiert von Adrian Zenhäusern und Stève Bobillier, einige musikalische Perlen, die meisten a cappella. Die Aufmerksamkeit beim Zuhören und die Begeisterung, welche die Aufführung von «Komm süsser Tod» von Kunt Nysted nach Bach) auslöst, beweisen, dass das Publikum auch Neuentdeckungen schätzt.

Das Publikum tanzt

Hansruedi Kämpfen, die 250 Singenden, zwei Solisten und ein Orchester geben mit Enthusiasmus bekannte Werke zum Besten, die immer wieder gern gehört werden. Bei Verdi, Offenbach, Mozart, Orff und Haendel ist man in guter Gesellschaft.
 

Einen Kontrast dazu bildet das von Norbert Carlen geleitete Atelier. 230 Jugendliche erzeugen mit Hingabe eine keltische Amtosphäre und lösen freudige Gefühle aus. Die jungen Sängerinnen und Sänger verstehen es zu singen, ohne zu forcieren, sie haben Gefühl für einen schönen Ton, was für eine Wohltat.

Bekanntlich wollen die Zürcher nicht mehr, dass Französisch als erste Fremdsprache an den Schulen gelehrt wird. Die Walliser Sänger unter der Leitung von Samuel Emery halten dem mit Gesang in Freiburger Patois entgegen, greyerzerisch in der Art von Joseph Bovet, afrikanisch in der Art von Dominique Tille. Der mitressende Dirigent bringt mit seinem Charisma auch die gehemmtesten Chormitglieder in Bewegung. Sogar das Publikum liess sich durch die faszinierenden repetitiven Rhythmen zum Tanz hinreissen.

Am Sonntagmorgen beleuchtet die Sonne die Briger Altstadt aufs Schönste, wo im Schlosshof die Gläubigen den Gottesdienst mit Bischof Norbert Brunner feiern. Eine  Gelegenheit, die Arbeit des Messe-Ateliers zu erleben.


Auszüge aus Operetten wurden gewungen und gespielt. (Foto Thierry Dagon)

Am Nachmittag wiederholt Hansruedi Kämpfen die «Top Classics» vom Vortag zwischen einer Darbietung mit Orchester, Solisten und einem 170-köpfigen Chor unter der Leitung von Roberto Schmid und «La Chantée» dirigiert von Sophie Bender und Élisabeth Gillioz.

Das erste Atelier ist der Operette gewidmet, bei dem man gern den bekannten Melodien lausch, die perlen wie Champagner. Dem zweiten, «La Chantée», liegt ein einfaches Konzept zugrunde: die 200 Teilnehmenden singen Lieder aus einem Notenbüchlein, das verteilt wird. Das Publikum ist eingeladen, sich unter die Singenden zu mischen. Bemerkenswerterweise enthält das Heft wenig Altbekanntes und... das Publikum macht mit bei diesem sicherlich ein bisschen komplexen, aber musikalisch anspruchsvollen Repertoire.

Mehr als harmonisierte Lieder

Eine stattliche Anzahl von Jugendchören aus dem Kanton Wallis haben sich auch vor den Expertinnen und Experten präsentiert. Sie zeigten sich stimmlich fit und besitzen ein erfreuliches Potenzial, sind sehr engagiert mit sichtlicher Freude am Singen. Erfreulicherweise gab es auch zahlreiche junge Dirigenten. Bei den Singenden, ob jung oder älter, ob in «einfachen» Chören oder bei Elite-Ensembles, haben sowohl die Experten-Jury wie auch das Publikum die Seriosität der Vorbereitung bei allen gespürt.

Eine freuliche Entwicklung zeigt auch das Chorrepertoire, es wird erneuert und zeugt von hoher Qualität. Der Fokus liegt oft bei neuen Werken, dabei werden weder die grossen Komponisten der Vergangenheit noch die Wichtigkeit der Volksmusik - der Nährboden der Kantonalverbände - vernachlässigt. Von einzelnen Chören waren auch Auftritte mit Werken eines einzigen Komponisten zu hören (Bach, Händel, Mendelssohn).

Festzustellen ist hingegen, dass das harmonisierte Lied, das an gewissen Kantonalgesangfesten dominiert, im Wallis fast verschwunden ist. Neben der Bewunderung für Qualität von Musik und Gesang sind sich die Gäste im Fazit auch bei dem einig, was sich nicht messen lässt: An diesem Fest herrschte ein Geist, der über die Noten hinausgeht. Eine positive Energie, ein Gefühl zu einer grossen Familie zu gehören. Das machte wahrscheinlich am meisten Freude an diesen drei Tage.

www.chantabrigue.ch

Ein paar Blumen, die auch die Organisierenden des Gesangfests in Brig verdienen. (Foto Thierry Dagon)